Vorsicht vor dem Super-Kodex!

Deutscher Corporate Governance Kodex

Die Initiative für einen weltweiten Governance-Standard führt in die falsche Richtung. Gute Unternehmensführung darf nicht zum Thema für Technokraten werden.

Das Deutsche Institut für Normung (DIN) setzt Standards für eine breite Reihe von Produkten von Schrauben bis hin zu Papier. Zudem vertritt das es Deutschland in der International Organization of Standardisation (ISO) mit Sitz in Genf, die weltweite Normen entwickelt.

Am Genfer See fühlt man sich aber offenbar zu höherem als schnöden Produktstandards berufen: Die ISO plant derzeit, „Richtlinien für die Governance von Organisationen“ zu entwickeln. Wie aus der europäischen Corporate-Governance-Community verlautet, soll bereits am 18. September der offizielle Startschuss fallen.

Nun ist es zweifellos wichtig, dass wir uns intensiv mit guter Unternehmensführung beschäftigen. Aber die ISO-Initiative ist schon im Ansatz falsch. Denn es gibt inzwischen eine Vielzahl von Vorgaben, Standards und Empfehlungen – hierzulande vor allem in Form des Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK), der in den letzten Jahren immer detailreicher und stellenweise auch schwammiger geworden ist.

All das ist Ausdruck der Tendenz, auf Skandale mit neuen Regelungen und Standardisierungen zu reagieren – sei es durch Gesetzgeber, Kodex-Kommissionen oder sogar Berufsverbände. Eine Art Super-Kodex, der ohne Rücksicht auf Besonderheiten nationaler Wirtschafts- und Governance-Systeme globale Normen definiert, wäre ein neuer Höhepunkt dieser Entwicklung.

Ich bin überzeugt: Dieser technokratische Governance-Ansatz bringt uns nicht weiter. Denn er fördert einen formalistischen Habitus: Wenn sich Verantwortliche durch das Dickicht von Empfehlungen und Vorschriften gekämpft haben, haken sie einzelne Punkte schnell ab, statt sich inhaltlich damit zu befassen.

Lesen Sie doch mal die Governance-Berichte von Skandalfirmen: Vielfach sieht auf dem Papier alles wunderbar aus – aber es wird eben nicht gelebt. Zum Beispiel, weil Aufsichtsräte zwar formal, aber nicht innerlich unabhängig sind. Oder weil sie zwar Zeit für ihren Job haben, aber sich trotzdem nicht auf die Sitzungen vorbereiten.

Deshalb sollten wir nicht Zeit und Kapazitäten damit verschwenden, über neue Vorgaben nachzudenken. Sondern überlegen, welche wirklich wichtig sind – und vor allem, wie wir sie mit Leben füllen.

Eine der zentralen Herausfordorungen ist dabei aus meiner Sicht: Wie treiben wir den Kulturwandel in den Aufsichtsräten und Vorständen voran, damit ein neues Selbstverständnis – nennen wir es ruhig „Berufsehre“ – entsteht?

Ich hoffe jedenfalls, dass Deutschland das ISO-Vorhaben ablehnt. Gemeinsam mit der geplanten Kodex-Reform könnte dies der Auftakt für eine überfällige Neuausrichtung unserer Governance-Kultur sein.

So auch erschienen im Handelsblatt, 12.09.2017, Nr. 176, Seite 23.