Der autonome Aufsichtsrat

‚Überwachung‘ im Zeitalter der digitalen Transformation

Autonome (sich selbst steuernde) Autos – an diesen Begriff haben wir uns bereits gewöhnt. Das hat etwas mit ‚Künstlicher Intelligenz‘ (KI) bzw. ‚Artificial Intelligence‘ (AI) zu tun; dabei geht es um automatisierte Entscheidungen auf Basis automatisierter Prognosen. Wir fahren nicht länger das Auto, sondern das Auto fährt uns – sicher und überall hin.

Der autonome Aufsichtsrat ist dagegen eine neue Wortschöpfung, eigens für Sie und diesen Vortrag geschaffen. Soll der Aufsichtsrat durch Maschinen ersetzt werden? Können in Zukunft Roboter und Algorithmen Unternehmen überwachen? Was hat KI/AI mit Aufsichtsrat zu tun?

Eine ganze Menge. Um das zu illustrieren, möchte ich Sie auf eine kleine Zeitreise mitnehmen.

Beginnen wir im Jahr 2007, als das erste iPhone vorgestellt wurde – und überlegen, wie sich unser Leben und Arbeiten seither geändert hat. Wer kann sich heute noch ein Leben ohne Smartphone vorstellen? Was hat das Smartphone bewirkt? Unmengen an Informationen, durch Apps und Suchmaschinen kategorisiert und priorisiert, erscheinen 24/7 auf unserem Bildschirm und veranlassen uns, tätig zu werden (lesen, bedenken, entscheiden, handeln).

Das war eine Warnung und die großen WP-Gesellschaften haben verstanden und entwickeln mittlerweile ihrerseits mithilfe von KI Tools für die ‚permanente Prüfung‘.

Und der Aufsichtsrat? Ich will mich jetzt nicht hier hinstellen und Ihnen sagen, dass es Ihren Beruf in 5 Jahren nicht mehr geben wird. Ich will Ihnen stattdessen sagen, dass auch wir – wie die Wirtschaftsprüfer – aktiv werden müssen. Denn durch Big Data und KI werden die unternehmerischen Entscheidungsprozesse, insbesondere wenn sie globale Sachverhalte betreffen, immer komplexer und die Kompetenzanforderungen immer größer. Relevante, das Ecosystem eines Unternehmens betreffende Daten und Informationen sind heute, kategorisiert, priorisiert und, ungeachtet der Sprache der Quelle, auf einer Spracheebene rund um die Uhr verfügbar. Der CEO hat seine Top-Infos auf seinem Dashbord und muss Entscheidungen treffen und handeln. Hierbei helfen ihm Stäbe, Tools und externe Berater.

In gleichem Maße wächst die Aufgabe des Aufsichtsrates mit. Sie wird ebenfalls komplexer. Ein häufig bunt gewürfeltes Gremium stellt sich – zeitlich und auch ansonsten resourcenmäßig limitiert – seiner Aufgabe des ‚Überwachens der Geschäftsleitung‘, wie es das AktG fordert. Eigentlich ist alles klar, aber bei näherer Betrachtung dann doch wieder nicht:

„Überwachen“: was macht man eigentlich, wenn man überwacht und wie macht man es richtig? Gibt es Grenzen der Zumutbarkeit und Machbarkeit (‚business judgement rule‘)? Gibt es hierfür keine Definition oder eine ‚best practice‘.

Klar ist nur, dass es um die Überwachung unternehmerischer Entscheidungsprozesse geht, womit die Überwachung selber zu einem Entscheidungsprozess wird – mit der Zielsetzung, das Interesse des Unternehmens zu schützen, d.h., das Vermögen zu mehren und Schaden von ihm abzuhalten.

Die ‚unternehmerische Entscheidung‘ (Geschäftsleitung) und die ‚Überwachungsentscheidung‘ (Aufsichtsrat) stehen in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis und laufen – mehr oder weniger – zeitgleich ab.

Beide Prozesse bestehen aus den gleichen Elementen und Phasen: Information (sammeln, kategorisieren, priorisieren) + Verarbeiten (analysieren, alternative Szenarien entwickeln) + Entscheiden (diskutieren, Wahrscheinlichkeiten abwägen, Lösungen mit dem größten Nutzen und dem geringsten Risiko auswählen, abstimmen) + Umsetzen (handeln, unterlassen) + Kontrollieren (monitoren, Informationen sammeln, informieren, neuen Entscheidungsprozess einleiten).

Merken Sie was?

Es ist geradezu augenfällig, dass jeder einzelne Prozessschritt und erst recht alle zusammen das natürliche Anwendungsgebiet von Big Data, Ecosystem Analysis und Künstlicher Intelligenz sind. M.a.W., eher früher als später werden diese Schritte von Computern permanent und in Echtzeit ausgeführt werden.

Werden diese Computer den Menschen ersetzen? Gehören Aufsichtsräte aus Fleisch und Blut bald der Vergangenheit an?

Nein, natürlich nicht, zumindest zunächst nicht. Abstrakt betrachte gibt es bei den Entscheidungsprozessen unterschiedlicher Unternehmen durchaus Ähnlichkeiten, aber entscheidend ist und bleibt die DNA jedes einzelnen Unternehmens. Dabei geht es um die Einmaligkeit und den Wert, den ein Unternehmen für die Gesellschaft hat. Dieser spiegelt sich in der Unternehmenskultur, den Werten der Verantwortlichen und letztlich in dem Erfolg, den das Unternehmen hat.

Damit komme ich zur dritten Station der Zeitreise und wage einen Blick in die Zukunft, sagen wir ins Jahr 2025. Ich bin überzeugt: Überwachen‘ im Sinne von gestern und heute wird durch KI nicht abgeschafft, sondern auf eine ‚neue Ebene‘ gehobent. Der ‚Basisprozess‘ des Überwachens läuft weitestgehend automatisiert – aber es werden weiterhin die Aufsichtsräte sein, die die Parameter definieren.

In den kommenden Jahren muss es deshalb darum gehen, den Veränderungsprozess aktiv zu gestalten, Was bedeutet das konkret? Der Aufsichtsrat muss – im Interesse seines Unternehmens – Big Data, Ecosytem Analysis und KI als Chance begreifen und sich die neuen Möglichkeiten nutzbar machen. Seine Rolle des Aufsichtsrats wandelt sich – weg von Zahlen und Fakten – hin zur sozialen und ethischen Bewertung und Ausrichtung von Entscheidungen. Der Aufsichtsrat wird – noch mehr – der Hüter der DNA und das Gewissen des Unternehmens.

In diesem Zusammenhang werden sich weitere Fragen stellen:  Gewinnt das ‚duale System’ an Bedeutung? Wie groß darf der Aufsichtsrat der Zukunft sein, wenn er effizient arbeiten will? Welche Kompetenzen müssen dessen Mitglieder haben? Wie gestaltet sich demnächst die Suche und Auswahl des Vorstandes? Welche Rolle spielt in der Zukunft die ‚Diversity‘? Bekommt die Mitbestimmung der Arbeitnehmervertreter einen neuen Stellenwert? Etc.

Beenden wir hier unsere kleine Zeitreise. Wir ahnen, was bis zum Jahr 2025 (wahrscheinlich früher) geschehen wird. Wir realisieren auch, dass die Zukunft längst begonnen hat und dass der Zug – bildlich gesprochen – schon in Bewegung ist. Was bleibt zu tun? Der Aufsichtsrat sollte besser heute als morgen damit anfangen, die Chancen zu erkennen und sich selbst ans Steuer zu setzen, um mit Hilfe von KI ein wahrhaft autonomer Aufsichtsrat zu werden.