Mehr Raum für Ideen!

Peter Dehnen Corporate-Governance-Kodex

Die Regierungskommission lädt zur Diskussion ein – aber nur zu ihren Bedingungen. Verläuft die überfällige Reform des Corporate-Governance-Kodex im Sande? Eine Replik auf Rolf Nonnenmacher.

Die Skepsis war deutlich spürbar. Das „Dehnen-Papier“, sagte Rolf Nonnenmacher auf dem Deutschen Aufsichtsratstag (DART) Ende November in Düsseldorf, entspreche nicht den „deutschen und europäischen Erwartungen und Anforderungen an den Kodex“.

Die Aussage des Vorsitzenden der „Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex“ bezog sich auf meinen Neu-Entwurf, den ich im Dialog mit Aufsichtsratsvorsitzenden erarbeitet und kurz vor dem DART vorgestellt habe. Der „KODEX2020“ unterscheidet sich fundamental von der aktuellen Version – auch, weil er deutlich kürzer ist und aus 20 prägnanten Prinzipien besteht.

Angesichts der erheblichen Diskrepanz war Kritik erwartet und ausdrücklich erwünscht. Was ich schade finde: Professor Nonnenmacher hat nicht begründet, wie er zu seinem Urteil kommt – weder vor Ort noch auf Twitter, wo er (oder sein Social-Media-Beauftragter) die Aussage kurz darauf wiederholte.

Und ich frage mich, woher er die „deutschen und europäischen Erwartungen und Anforderungen“ so genau kennt. Intensive Gespräche mit Investoren und anderen Interessierten gab es bislang offenbar nicht – zumindest kündigte Nonnenmacher entsprechende Dialoge für 2018 an.

Sei’s drum: Ich habe den Eindruck, dass die Kodex-Kommission zwar den Dialog mit Vorständen, Aufsichtsräten und Investoren sucht – aber nur zu ihren Bedingungen. Nonnenmacher hat jedenfalls enge Leitplanken definiert. Demnach wird in den nächsten Monaten zum Beispiel geprüft, inwieweit der Kodex Gesetze wiedergeben sollte und ob die Gliederung sinnvoll ist.

Der umfangreiche Katalog an Empfehlungen, der in den letzten Jahren immer länger geworden ist, soll dagegen nur punktuell auf den Prüfstand. Nach der angekündigten „grundlegenden Überarbeitung“ hört sich das für mich nicht mehr an – eher nach weiterem Herumbasteln.

Formalismus führt den Kodex ad absurdum

Ich meine: Wer zur Diskussion einlädt, darf sie nicht von vorneherein in enge Bahnen lenken. Sonst bleibt kein Raum für neue Ideen und Impulse. Und es ist ja zumindest nicht undenkbar, dass sie die Unternehmen und den Wirtschaftsstandort weiterbringen. Oder?

Gerade in Sachen Corporate Governance ist es meines Erachtens höchste Zeit für einen Blick über den Tellerrand und eine offene Diskussion. Denn die Vielzahl der Kodex-Empfehlungen verstellt inzwischen den Blick auf das Wesentliche und hat zudem einen formalistischen Habitus gefördert: Verantwortliche haken einzelne Punkte ab, statt sich inhaltlich mit ihnen zu beschäftigen.

Vielerorts ist vor allem die Rechtsabteilung für das Thema zuständig – und nicht das Management. Das führt einen Kodex – ich muss es so deutlich sagen – ad absurdum. Denn nur, wenn sich Verantwortliche inhaltlich mit der Thematik auseinandersetzen, kann eine neue, eine bessere Kultur entstehen.

Auch Nonnenmacher betont zwar, dass der Kodex „keine Checkliste ist, die man einmal im Jahr abgehakt und dann zur Seite legt“. Aber eine überzeugende Strategie, diesem Habitus entgegenzutreten, bleibt er bislang schuldig. Kommen wir weg vom Formalismus, indem wir die Gliederung ändern und ein paar Empfehlungen rauswerfen? Ich bin sicher: nein.

Das geht nur, wenn wir die Verantwortlichen dazu bringen, über gute Unternehmensführung nachzudenken und zu debattieren. Der KODEX2020 besteht deshalb aus 20 grundlegenden Prinzipien, die Vorständen und Aufsichtsräten mehr Spielraum lassen – verbunden mit dem Auftrag, ausführlich zu berichten, wie sie diese in ihrem Unternehmen umsetzen („apply and explain“).

Auf diese Weise werden die Prinzipien mit Leben gefüllt – und zwar so, wie es dem Unternehmen und den besonderen Herausforderungen am besten entspricht. Also maßgeschneiderte statt „one-size-fits-all“-Governance. Mit Deregulierung hat dieser Ansatz deshalb nichts zu tun.

Viel Kritik, aber auch viel Zuspruch

Ich habe für diesen Vorschlag in den letzten Tagen Kritik einstecken müssen, aber auch Zuspruch erfahren – auch von Arbeitnehmervertretern, Aktionärsberatern und Investoren. Dass vor allem letztere entschieden auf detailliertere Empfehlungen nach bisherigem Zuschnitt pochen, kann ich deshalb nicht bestätigen.

Überhaupt frage ich mich: Warum sollen wir uns bei der Kodex-Reform zuvorderst an den Erwartungen der Investoren orientieren, wie Nonnenmacher dies offenbar plant? Wäre das nicht ein Rückfall in die Zeiten scheuklappenartigen Shareholder-Value-Denkens? Muss es nicht vielmehr um die Unternehmen selbst als Hauptadressaten gehen?

Ich hoffe, dass wir diese Fragen diskutieren – ohne Vorbedingungen und Scheuklappen. Noch bleibt dafür genug Zeit: Nonnenmacher hat angekündigt, die Reform erst 2019 abschließen zu wollen.