Alle gegen die Aufsichtsräte? Ein Aufruf zur Mäßigung

Einige Kritiker haben Maß und Mitte verloren – und nutzen schamlos aus, dass Aufsichtsräte ihre Entscheidungen nicht besser begründen können, weil sie dann ihre Verschwiegenheitspflicht verletzen würden.

Deutschlands Aufsichtsräte geraten derzeit von mehreren Seiten unter Druck. Der Corporate-Governance-Kodex macht ihnen zunehmend bürokratische Vorgaben, Investoren hinterfragen immer öfter ihre Kompetenz und die Medien knöpfen sich mit wachsender Vehemenz die Aufsichtsratschefs vor – Paul Achleitner, Joachim Faber und Hans Dieter Pötsch wissen, wovon ich rede.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wer einen Dax-Aufsichtsrat führt, muss auch harte Kritik verkraften können. Und als Vorsitzender eines Berufsverbandes, der sich der Professionalisierung der Aufsichtsräte verschrieben und klare Berufsgrundsätze definiert hat, begrüße ich ausdrücklich, dass Investoren und Journalisten genauer hinschauen als je zuvor.

Bisweilen scheint mir bei der Kritik aber das Augenmaß verloren zu gehen. Im aktuellen Spiegel etwa wird Paul Achleitners Nachfolgersuche als „dilettantisch“ gebrandmarkt. Erst habe er lange „in blinder Treue“ zu Anshu Jain gehalten – und dann John Cryan frühzeitig demontiert und schließlich gefeuert. Manchen Journalisten, so scheint es, kann man es nicht recht machen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf etwas hinweisen, dass mir schon länger auf der Seele liegt: die Waffenungleichheit in der öffentlichen Debatte. Denn oft können sich Aufsichtsräte gar nicht wirkungsvoll verteidigen; sie erinnern mich eher an Ringkämpfer, deren Arme hinterm Rücken gefesselt sind.

Zur Sprachlosigkeit verdammt

Der Grund: Um ihre Entscheidungen detaillierter und nachvollziehbarer zu begründen, müssten sie Interna preisgeben, die der Verschwiegenheitspflicht unterliegen. Deshalb halten sie sich zurück und belassen es bei allgemeinen Hinweisen, was einige Journalisten offenbar als Verschleierungstaktik oder gar Eingeständnis von Schwäche missverstehen.

Die „Opfer“ ihrer Entscheidungen und ihre Gegner äußern sich dagegen oft umso freimütiger. Das mag manchen dazu verleiten, sich deren – oft höchst subjektive – Perspektive zu Eigen zu machen

Ich möchte Kritiker deshalb aufrufen, voreilige Schlussfolgerungen zu vermeiden und zumindest in Erwägung zu ziehen, dass Aufsichtsräte und vor allem Chefkontrolleure hart arbeiten und sorgfältig abwägen. Und glauben Sie mir: Das gilt für sämtliche in diesem Text Genannten. Wer fair bleiben will, darf ihnen das nicht absprechen – egal, wie falsch er Entscheidungen findet. Zudem sollte niemand vergessen: Fundierte Einschätzung sind in der Regel nur möglich, wenn man sämtliche Fakten kennt. Auch solche, die der Verschwiegenheitspflicht unterliegen.

Umgekehrt gilt für Aufsichtsräte: Wer seine Entscheidungen nicht besser begründen kann, muss auf andere Weise Vertrauen aufbauen – zum Beispiel durch Unabhängigkeit, das Vermeiden von Interessenkonflikten sowie die Bereitschaft, sich mit Zukunftsthemen zu befassen und fortzubilden.

Mehr als 130 Aufsichtsräte aus ganz Deutschland dokumentieren diese Prinzipien durch eine VARD-Mitgliedschaft – und sorgen damit zugleich dafür, dass Aufsichtsräte eine gemeinsame Stimme haben. Denn wenn sich Einzelne nicht wirkungsvoll verteidigen können, ist eine starke Gemeinschaft umso wichtiger.