‚Chaostage’ bei ThyssenKrupp

Erst geht Vorstandschef Hiesinger, dann Aufsichtsratschef Lehner. Was ist da los? Ein Erklärungsversuch – und fünf Appelle an die Beteiligten.

Als mich am gestrigen Montag die Nachricht von der Amtsniederlegung des Aufsichtsratsvorsitzenden der ThyssenKrupp AG erreichte, war ich zunächst sprachlos. Ein Mann wie Ulrich Lehner ist sicherlich auch für Überraschungen gut, aber er ist bestimmt niemand, der spontan und verantwortungslos handelt. Es muss also einiges zusammengekommen sein, um einen gestählten Aufsichtsrat-Profi mit rheinischem Gemüt zu solch einem Schritt zu verleiten. Mein Fazit: Hiesinger hat die rote Lampe angemacht, mit dem Abgang von Lehner heulen jetzt die Sirenen.

Was bedeutet dieser Rücktritt für ThyssenKrupp? Wird das Unternehmen jetzt auseinandergerissen? Sind Arbeitsplätze in Gefahr? Ist es kontraproduktiv, wenn mit Hiesinger und Lehner jetzt gerade die beiden Personen, die das Unternehmen zusammen halten wollten, weg sind und das Feld Cevian & Co. überlassen? Und welche Rollen spielen Frau Gather und die Krupp-Stiftung? Diese Fragen drängen sich in dieser unübersichtlichen Situation auf. Und was wir erleben, ist –keineswegs ein Lückenfüller für das Sommerloch, sondern ein in Szene gesetzter handfester Corporate-Governance-Skandal.

Ich will versuchen, das mit meinen Worten zu konkretisieren. Um das ‚chaotische’ an der Situation bei ThyssenKrupp zu verstehen, zur Einstimmung eine Einführung in das Innenleben von Aktiengesellschaften in Deutschland:

Das System der Unternehmensführung und – überwachung (kurz: Corporate Governance) bei Aktiengesellschaften in Deutschland ist etwas Besonderes. Die Aktionäre regieren nicht das Unternehmen, sondern sie treffen sich grundsätzlich (nur) einmal im Jahr auf der sogenannten Hauptversammlung und wählen die Mitglieder Ihres Aufsichtsrates, dem sie die Verantwortung für das Unternehmen übertragen. Dieser Verantwortung wird der Aufsichtsrat dadurch gerecht, dass er den Vorstand bestellt und diesen bei seiner Arbeit unterstützend überwacht. Der Aufsichtsrat ist ein Gremium, das aus bis zu 20 gleichberechtigten Mitgliedern bestehen kann, die in nicht-öffentlicher Sitzung beraten und grundsätzlich mit der Mehrheit ihrer Stimmen beschließen.

Und jetzt kommt das Besondere: ein Aufsichtsrat, ganz gleich auf welchem Weg er in das Gremium gelangt ist, ist nicht Interessensvertreter einzelner Aktionäre oder Interessengruppen. Mit der Annahme seiner Wahl verpflichtet er sich, ausschließlich zum Wohle des Unternehmens tätig zu werden. Punkt. Keine Ausnahmen.

Das mus man wissen, wenn man in Deutschland ein Mandat als Aufsichtsrat annimmt – auch wenn man zugleich Aktionär des Unternehmens ist.

In Unternehmen angelsächsischer Prägung mit einem sogenannten Board of Directors gilt das nicht, zumindest nicht in dieser Klarheit. Dort regieren die Aktionäre ihr Unternehmen. Viele Board-Mitglieder sind der verlängerte Arm einzelner Aktionäre und vertreten auch deren Interessen – und wenn sie nicht funktionieren, werden sie ganz schnell abberufen. Das Wohl des Unternehmens haben Board-Mitglieder natürlich auch im Auge, aber es ist nicht das primäre Entscheidungskriterium.

Es darf also nicht verwundern, dass es früher oder später knallt, wenn Aktionäre angelsächsischer Prägung Aktien einer deutschen Gesellschaft kaufen und sich – bewusst oder unbewusst – über die deutschen Corporate-Governance-Regeln hinwegsetzen. Das ist ungefähr, als würde  man einem US-Amerikaner, der nur seinen American Football kennt, erlauben, nach seinem Verständnis in Deutschland Fußball zu spielen. Beim Fußball gäbe es schnell den Pfiff des Schiedsrichters und erst die gelbe, dann die rote Karte.

Im Aktienrecht und in der deutschen Corporate Governance gibt es (leider) keinen solchen Schiedsrichter. Da kommt es dann schnell zu einer Bolzerei mit Verletzten, wenn sich auch andere Spieler anstecken lassen und anfangen, nach ihren eigenen Regeln zu spielen. Am Ende ist man ganz schnell aus der 1. Liga abgestiegen.

Was heißt das für die Zukunft von ThyssenKrupp? Was heißt das für die Hauptakteure, die sogenannten Stakeholder? Hier meine Appelle:

  1. An die aktivistischen Investoren angelsächsischer Prägung: halten Sie sich an die Regeln der deutschen Corporate Governance. Und wenn Ihnen das Unternehmen nicht gefällt, können Sie Ihre Aktien verkaufen.
  2. An das Kuratorium der Krupp-Stiftung: konzentrieren Sie sich auf den gemeinnützigen Stiftungszweck, halten Sie sich aus Angelegenheiten des Unternehmens heraus und sorgen Sie sich mit Ihrer starken Stimmmacht für starke kompetente Aufsichtsräte, die etwas von der Überwachung der Geschäftsleitung komplexer Industrieunternehmen verstehen.
  3. An den Aufsichtsrat: Überlegen Sie, ob Sie über die nötige fachliche und persönliche Kompetenz eines Aufsichtsrates und die nötige Unabhängigkeit verfügen, ein solches Mandat auszuüben. Aufsichtsrat bei ThyssenKrupp ist kein Ehrenamt, sondern harte Arbeit in einem 20-Personen Gremium.
  4. An den Ministerpräsidenten NRW: bitte keine Fernsehauftritte mit Kommentaren zur Unternehmenspolitik! Dafür gibt es den Aufsichtsrat und den Vorstand als die berufenen Gremien.
  5. An alle zusammen: bleiben Sie in den Grenzen dessen, was Ihnen das Amt bzw. das Mandat erlaubt. Arbeiten Sie leise und miteinander ZUM WOHLE DES UNTERNEHMENS ThyssenKrupp.