Der Fall Wirecard belegt: Die Corporate-Governance-Regularien in Deutschland sind an ihre Grenzen gestoßen. Es ist Zeit für einen Kurswechsel!

Liebe Leser der GermanBoardNews,
was ist denn da los in Corporate Deutschland? Mit der Lufthansa haben wir uns mehrfach beschäftigt, und dann hat uns plötzlich Wirecard  überrascht. Wirklich? Ja. Auch ich war geneigt, das Unternehmen mit einer rosaroten Brille zu sehen. Immerhin hat Wirecard in den letzten zwei Jahren reputable Aufsichtsräte an Bord geholt (und weist übrigens eine alles übertreffende Frauenquote aus).

Für die Hauptversammlung waren weitere Aufsichtsräte angekündigt (wir haben hier darüber berichtet). Und jetzt bringt genau dieses Unternehmen Schande über den Kapitalmarktstandort Deutschland. Die Rolle des Aufsichtsrates bei diesem Desaster werden wir uns ganz genau ansehen müssen.

Das Wirecard-Drama offenbart aber noch ein ganz anderes Problem: Wir haben zwar den Deutschen Corporate Governance Kodex, aber auf die Corporate Governance im Sinne guter Unternehmensführung und -überwachung hat er keine positive Wirkung. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ein Unternehmen, das den Kodex weitgehend einhält, einen derartigen Skandal verursacht?

Jetzt ist die Deutsche Börse am Zug

Jetzt kann man natürlich sagen, dass dort, wo kriminelle Energie anfängt, Corporate Governance aufhört. Aber das ist mir zu schlicht. Das Problem ist, dass der formale Kodex an Grenzen stößt – er bringt Entscheider zum Abhaken, aber nicht zum Nachdenken. Er fördert deshalb nicht, worauf es wirklich ankommt: dass Unternehmenskulturen entstehen, die auf Werten und Haltung basieren. Das ist effektiver als jedes Compliance-Management-System (das bei Wirecard auch versagt hat).

Wir müssen deshalb  weg von einem sanktionslosen, one-size-fits-all, check-the-box-Kodex-Denken. Wir brauchen eine moderne Governance-Lösung, die den Stakeholder in den Mittelpunkt stellt und Unternehmen in den Dialog zwingt.

Dafür brauchen wir keine neuen Gesetze. Es würde meines Erachtens reichen, wenn die Deutsche Börse wichtige Governance-Standards in ihre „Listing Requirements“ aufnimmt, die die formalen Kodex-Vorgaben mit Leben füllen.

Warum nicht einmal einen Versuch wagen und in einem ersten Schritt die Top-Entscheider der börsennotierten Unternehmen in den Diskurs einbinden? Good Governance geht nicht ohne Vorstände und Aufsichtsräte. Es gibt nichts zu verlieren, wir können nur gewinnen Und wer hat mehr Vertrauen und Expertise, einen solchen Prozess zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, als die Deutsche Börse und Theodor  Weimer?

Klar ist: Die internationalen Community blickt erwartungsvoll auf Deutschland – und hofft auf ein positives Signal an den Kapitalmarkt. In den vergangenen Tagen haben mich mehrere Anfragen von Journalisten erreicht, die mehr über die Corporate-Governance-Defizite in Deutschland und unsere Reformvorschläge erfahren wollten (siehe dazu diesen Reuters-Bericht und mein Interview mit CNBC).

Ich würde  mich sehr freuen, wenn Sie, liebe Leser, Ihre Gedanken zu dieser Frage und zu #FutureGoodGovernance im Allgemeinen mit uns teilen würden. Ich freue mich auf Ihre Nachricht!

Mit den besten Grüßen
Ihr
Peter H. Dehnen

 

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