Bundestag & Börse: Treiber eines System- und Kulturwandels?

Liebe Leser der GermanBoardNews,

das Rufen wurde erhört! Mit ein wenig Stolz und frischer Zuversicht schreibe ich diesen Satz. Denn nach dem Wirecard-Skandal, der durch ein komplettes Systemversagen (auch auf Aufsichtsratsebene) möglich wurde, bewegt sich endlich was in Corporate Governance Germany – und zwar auf zwei Ebenen.

Erstens: Der Untersuchungsausschuss des Bundestages in Sachen Wirecard wird das Governance-System-Thema aufgreifen, wie aus der konstituierenden Frageliste hervorgeht: Dort heißt es in Abschnitt III, Ziff. 47, es solle untersucht werden:

„ob und wenn ja, welche Schwachstellen im Corporate Governance System bestehen, die ggf. Vorgänge um die Insolvenzen von Gesellschaften des Wirecard-Konzerns sowie mögliche Straftaten/Ordnungswidrigkeiten seitens handelnder Personen des Wirecard-Konzern sowie mögliche Verletzung von Rechnungslegungs- und Prüfstandards durch den Wirecard-Konzern ermöglicht oder begünstigt haben.“

Wir werden hier also – mit etwas Glück und hartnäckig fragenden Ausschussmitgliedern – eine spannende Diskussion erleben, bei der sich die Politik nicht zuletzt mit der Grundsatzfrage „Was macht eigentlich heute gute Governance aus?“ befassen muss.

Zweitens: Der nächste Big Player ist die Deutsche Börse – aus meiner Sicht bekanntlich der geborene Standard-Setter und Hüter der Corporate Governance in Deutschland. Vorstandschef  Theodor Weimer hat geliefert, was er während einer Anhörung im BT-Finanzausschuss bereits angekündigt hatte: Die Deutsche Börse stellt ihr Index-Regelwerk auf den Prüfstand und wird neue Corporate-Governance-Standards für die Aufnahme in den DAX festlegen. Das soll zeitnah, d.h. bis Ende dieses Jahres geschehen sein. Wir freuen uns sehr über diese Initiative.

Allerdings frage ich mich, ob wir Standards auf den Dax 30 beschränken. Auch die aktuellen Vorwürfe gegen den MDax-Konzern Grenke werfen schließlich Corporate-Governance-Fragen auf (siehe dazu unsere Rubrik „Aufsichtsrat der Woche“).

Entscheidend ist für mich darüber hinaus, dass es nicht bei offensichtlichen Notwendigkeiten wie einem Prüfungsausschuss und einem Compliance-Management-System bleibt. Wir brauchen einen echten Kultur- und Systemwandel. Ich hoffe deshalb auf die Erkenntnis, dass gute Corporate Governance eine verlässliche Personal Governance unabdingbar voraussetzt. Das heißt, dass ein Aufsichtsrat sich und seine Arbeit an Berufsgrundsätzen messen lassen muss. Denn ein Aufsichtsrat ohne Berufsgrundsätze ist wie ein Auto ohne Bremse, oder? Ich erinnere in diesem Zusammenhang an unsere aktuelle #FutureGoodGovernance-Agenda, die unter anderem eine Art hippokratischen Eid vorsieht.

Denn machen wir uns nichts vor: Kriminelle Energie gab es immer und wird es immer geben, womit auch bei den besten Kontrollmechanismen ein Restrisiko bleibt. Es kommt deshalb in besonderem Maße auf Menschen mit einem ausgeprägten Berufsethos an, die ihren Job ernst nehmen und sich nicht allein auf Compliance-Management-Systeme verlassen.

Mit den besten Grüßen
Ihr
Peter H. Dehnen

 

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