ThyssenKrupp & Wirecard: Auswüchse der Corporate-Governance-Systemkrise – und Chance auf echten Wandel.

Liebe Leserinnen und Leser der GermanBoardNews,

vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle angekündigt, den Fall ThyssenKrupp einer aktualisierten Bewertung zu unterziehen. Seiher hat das Thema an Brisanz gewonnen: Der Aufsichtsrat musste heftige Kritik für die Entscheidung einstecken, den Vorständen eine Sondervergütung zu gewähren.

Auch ich halte die Boni angesichts der Situation des Unternehmens für sehr fragwürdig. Zwar wäre das Ganze halb so wild, wenn es sich um einen Ausrutscher handeln würde. Doch davon kann leider keine Rede sein: Die Sonderboni passen wie die Faust aufs Auge zu einem Konzern mit erheblichen Defiziten bei der Corporate Governance.

Wie konnte es so weit kommen? Wurzel des Übels bleibt für mich die Kombination des Stiftungsmodells mit einer Börsennotierung. Denn damit öffnete ThyssenKrupp die Tür – auch für jene Spezies von Investoren, denen langfristiges unternehmerisches Denken fremd ist. Ein „Clash of Cultures“ war vorprogrammiert.

„Das Ende des rheinischen Kapitalismus“

Und genauso kam es, als der aktivistische Investor Cevian 2013 einstieg und wenig später in den Aufsichtsrat einzog. Dort erhöhten die Schweden schrittweise den Druck, und die Krupp-Stiftung als Großaktionär hatte ihnen leider zu wenig entgegenzusetzen – vor allem, weil sie keine Hochkaräter in den Aufsichtsrat entsandte.

Die Folgen sind bekannt: Mangels Rückendeckung der Stiftung nahm Vorstandschef Heinrich Hiesinger seinen Hut (wir titelten damals: „Das Ende des rheinischen Kapitalismus“). Wenig später folgte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner, der wie kaum ein Zweiter für Stakeholder-Value und Unternehmensführung im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft steht.

Der Niedergang von ThyssenKrupp ist damit auch Ausdruck einer Corporate-Governance-Systemkrise: Börsennotierte Unternehmen werden zu leicht zum Spielball kurzfristig denkender Investoren.

Seit Lehners Rücktritt ist wenig besser und vieles schlechter geworden bei ThyssenKrupp. Und die Sondervergütungen sind ein erheblicher Dämpfer für vorsichtige Hoffnungen, dass es mit dem Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm zu einem echten Kulturwandel kommt. Ich bin skeptisch, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

2021: Wende zu #FutureGoodGovernance?

Wir werden jedenfalls im nächsten Jahr genau hinschauen, wie ThyssenKrupp und andere Konzerne in Sachen Corporate Governance agieren. Zudem sind wir gespannt auf politische Entwicklungen, allen voran den Wirecard-Untersuchungsausschuss und die geplanten gesetzlichen Vorgaben für gute Unternehmensführung.

Ich bin überzeugt: Der Wirecard-Skandal und der Niedergang von ThyssenKrupp haben eine Corporate-Governance-Systemkrise offenbart – und bergen damit die Chance auf echte Veränderungen. 2021 könnte deshalb eine Wende zu #FutureGoodGovernance einläuten.

Bis dahin wünsche ich Ihnen im Namen des gesamten GermanBoardNews-Teams eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit. Trotzen Sie den widrigen Umständen, bleiben Sie gesund (!) und starten Sie gut ins neue Jahr, in dem wir (hoffentlich) die Corona-Pandemie besiegen. Wir melden uns am 14. Januar zurück.

Herzlich

Ihr Peter H. Dehnen

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