Klimaschutz: Der Corporate-Governance-Kodex soll es richten – ein gefährlicher Irrweg.

Liebe Leser*innen der GermanBoardNews,

nach dem Bundesjustizministerium beschäftigt der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) nun auch das Umwelt-, das Finanz- und das Wirtschaftsressort. Denn der Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung, den die drei Ministerien ins Leben gerufen haben, setzt große Hoffnungen auf das Regelwerk: In seinem aktuellen Bericht empfiehlt das Gremium, „Mindeststandards für die Nachhaltigkeitskompetenzen“ von Vorständen und Aufsichtsräten in den Kodex aufzunehmen.

Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen: Ein Kodex, der in den vergangenen Jahren zigmal überarbeitet wurde und Skandale à la Wirecard nicht verhindert konnte, ist plötzlich Hoffnungsträger im Kampf ums Klima. Wenn Politik und Wirtschaft junge Menschen überzeugen wollen, dass sie es ernst meinen mit dem Klimaschutz, sollte ihnen schnell was Besseres einfallen.

Kernproblem des Kodex ist, dass er einen formalistischen Habitus fördert. Statt über verantwortungsbewusste Unternehmensführung zu diskutieren, neigen viele Entscheider dazu, die Empfehlungen abzuhaken. Für einen echten Wandel reicht das nicht annähernd. Und gerade wegen der Dringlichkeit des Klimaschutzes dürfen wir keine Zeit mit einem Instrument vergeuden, das seine begrenzte Tauglichkeit bereits unter Beweis gestellt hat.

Warum Personal Governance der Schlüssel ist

Aber was ist die Alternative? Ich bin überzeugt: Wir brauchen dringender denn je praxistaugliche Regeln, die weder belächelt noch beklagt werden. Statt Entscheider mit neuen bürokratischen Auflagen zu gängeln und dadurch Formalismus zu fördern oder gar Widerstände auszulösen, sollten wir sie deshalb in die Verantwortung nehmen.

Ich habe bereits nach dem Wirecard-Skandal eine Art „hippokratischen Eid“ für Aufsichtsräte und Vorstände vorgeschlagen, in dem sie sich zu zentralen Personal-Governance-Prinzipien bekennen. Das ließe Spielräume und würde deshalb Diskussionen fördern – und die sind aus meiner Sicht entscheidend, damit ein neues Bewusstsein entsteht. Anders formuliert: Corporate Governance funktioniert nicht ohne Personal Governance.

Um das gesetzlich zu verankern, plädiere ich für einen neuen Paragrafen im Aktiengesetz, der das Bekenntnis zur Voraussetzung für ein Aufsichtsratsmandat macht. Basis für einen Personal-Governance-Kodex könnten die VARD-Berufsgrundsätze sein. Durch ihre Anerkennung verpflichten sich Aufsichtsräte unter anderem, sich „systematisch und regelmäßig“ fortzubilden.

Aufsichtsräte die Folgen des Klimawandels verstehen

Das heißt auch, sich das Fachwissen anzueignen, um den Klimawandel und die Folgen fürs Geschäftsmodell zu verstehen (sowie unternehmerische, strategische Optionen beurteilen zu können).

Statt den Corporate-Governance-Kodex weiter zu überfrachten, sollten wir deshalb diskutieren, was „Personal Governance“ mit Blick auf den Klimaschutz bedeutet – und wie wir sicherstellen, dass neue Vorgaben weder Bürokratiemonster noch Papiertiger werden.

Dass jetzt drei weitere Ministerien bei der Kodex-Debatte mitmischen, lässt mich allerdings nichts Gutes erahnen. Insbesondere im Umwelt- und im Finanzministerium hat vermutlich niemand den Auftrag der sogenannten Regierungskommission DCGK gelesen beziehungsweise verstanden – von einem kritischen Blick auf das Regelwerk ganz zu schweigen.

Der könnte allenfalls aus dem Wirtschaftsministerium kommen. Aber das scheint mal wieder nur am Rande eine Rolle zu spielen.

Herzlichst

Ihr Peter H. Dehnen

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