Greensill-Skandal: Wo bleibt die Debatte über die Unabhängigkeit und Haltung von Aufsichtsräten?

Liebe Leser*innen der GermanBoardNews,

„Greensill“ – Gier trifft auf Dummheit? Dabei wollten die Stadtkämmerer so clever sein. Es kostet schon Anstrengung, sich nicht wieder so richtig zu empören. Denn das Muster ist doch immer das gleiche. Vorher sind alle blauäugig, dann wissen es alle besser und haben schnell die Schuldigen identifiziert. Dabei darf die staatliche Finanzaufsicht natürlich nicht fehlen, und ergänzt wird das Anprangern ihres Versagens dann gerne mit der Forderung nach einem Untersuchungsausschuss. Dann ist auch diese Geschichte zu Ende. Und wir erwarten die Fortsetzung – und die kommt bestimmt!

Fazit: Wir lernen einfach nicht dazu. Entweder ist da eine Denkblockade oder ein konzertiertes Weggucken bzw. -ducken – nicht nur bei Politikern, sondern auch bei Entscheidern aus der Wirtschaft. Niemand möchte gegen den Strom schwimmen, auffallen oder gar zum Mittelpunkt einer gesellschaftlichen Debatte werden – schließlich haben alle wichtigen Menschen Wichtigeres zu tun. Es gibt leider viel zu wenige Stimmen in der Wirtschaft, die selbstlos und schonungslos den Finger in die Wunde legen.

Wann, sehr geehrte Aufsichtsräte und Vorstände, ist mit Ihrem „Basta“ zu rechnen?

Erst Wirecard, dann Greensill: Wo war der Aufsichtsrat?

Der Greensill-Skandal wäre dafür eine weitere Steilvorlage. Betrachten wir ihn aus der Corporate-Governance-Perspektive. Es geht dabei nicht um Schuld im strafrechtlichen oder haftungsrechtlichen Sinne, sondern um Verantwortung im objektiven Sinne. Welche Konsequenzen daraus folgen, steht dann auch einem anderen Blatt.

Im Fall Wirecard ist es dem Aufsichtsrat gelungen, sich weitgehend aus der Schusslinie zu halten. Dass die Mitglieder nicht selber über ihre Verantwortung sprechen, ist wahrscheinlich dem Redeverbot geschuldet, das eine D&O-Versicherung in Haftungs- und Schadensersatzfällen sofort verhängt. Ein Systemfehler? Jedenfalls dann, wenn auch andere Entscheider schweigen.

Im Fall Greensill könnt es jetzt anders kommen: Hier war einer der Aufsichtsräte laut Medienberichten Partner einer Anwaltskanzlei, die das Geldhaus intensiv beraten hat. Das wirft natürlich die Frage nach der Unabhängigkeit auf, und ich hoffe sehr, dass jetzt endlich mal eine Diskussion in Gang kommt.

Unabhängigkeit ist zuallererst eine Haltung

Denn eines sollte doch klar sein: die Verantwortung des Aufsichtsrates liegt darin, das Unternehmen sicher und erfolgreich in die Zukunft zu führen. Wie er das anstellt, ist seine Sache. Aber wenn das – aus welchem Grund auch immer – nicht gelingt, dann trägt er dafür die Verantwortung.

Aber wo ist die Messlatte, an der sich Aufsichtsräte messen lassen müssen? Bestimmt nicht der von der sogenannten Regierungskommission herausgegebene Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK). Denn Verantwortung ist nichts Abstraktes, sondern etwas Konkretes, Persönliches. Da verweise ich – immer wieder und gerne – auf die VARD-Berufsgrundsätze, eine Art hippokratischen Eid für Aufsichtsräte.

Und machen wir uns nichts vor: Insbesondere Unabhängigkeit lässt sich nur bedingt an formalen Kriterien festmachen. Unabhängigkeit ist zuallererst eine Haltung. Und diese Haltung bzw. das Berufsethos gilt es zu fördern. Ein verpflichtender hippokratischer Eid, wie ich ihn vorgeschlagen habe, wäre hier ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Mit vor–österlichen Grüßen
Ihr Peter H. Dehnen

 

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