Warum kürzere Amtszeiten für Aufsichtsräte gefährlich sind – und wie der Brexit für Good Governance sorgt.

Liebe Leser*innen der GermanBoardNews,

in dieser HV-Saison fällt auf, dass zahlreiche Unternehmen die Amtszeiten für Aufsichtsräte von fünf auf vier Jahre verkürzen (auch für unsere Aufsichtsrätin der Woche). Zur Begründung verweisen die Unternehmen in erstaunlicher Einmütigkeit auf Empfehlungen des Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK) und „Erwartungen“ von Investoren. Dann kann das ja nicht schlecht sein. Oder?

Ich möchte eine alternative Deutung anbieten: Unternehmen beugen sich hasenfüßig dem Druck institutioneller Investoren, die Aufsichtsräte enger an die Kandare nehmen wollen. Denn je kürzer eine Ägide, desto schneller können sie unliebsame Kontrolleure austauschen – am liebsten wären einigen Aktionären deshalb einjährige Amtszeiten. Unabhängige Aufsichtsräte, die sich allen Stakeholdern verpflichtet fühlen, wären dann Geschichte.

Aus meiner Sicht sind die Verkürzungen deshalb ein Schritt in die falsche Richtung. In einer Zeit, in der Unternehmen langfristig ausgerichtete Strategien für die digitale Transformation entwickeln müssen, ist der Druck kurzfristig denkender Investoren besonders gefährlich. Es gilt deshalb mehr denn je, die Unabhängigkeit von Aufsichtsräten zu stärken – und sie zum Bollwerk gegen aktivistische Investoren zu machen.

Hängt uns Großbritannien nicht nur beim Impfen ab ?

Wohlgemerkt: Das heißt nicht, dass ich für ein „weiter so“ in den Aufsichtsräten plädiere (im Gegenteil, wie regelmäßige Leser wissen). Aber statt das Korsett von Auflagen, Kontrollen und Bürokratie immer enger zu schnüren, sollten wir Kontrolleuren Spielraum für selbst bestimmtes, verantwortungsvolles Handeln geben – und sie gleichzeitig in die Verantwortung nehmen, und zwar durch einen hippokratischen Eid bzw. ein verpflichtendes Bekenntnis zu einem Personal-Governance-Kodex.

Das wäre endlich eine mutige Reform, die Verantwortungsbewusstsein und Haltung fördern würde (und nicht Abnickerei). Aber ich fürchte, dass es selbst nach dem Wirecard-Skandal beim ewigen Klein-Klein bleibt. Jedenfalls sind weder die neuen Börsenregularien noch das „Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität“ (FISG) große Würfe.

Entschlossener zeigt sich da die britische Regierung: Die geplante Corporate-Governance-Reform enthält einige weitreichende Vorschläge. Damit könnte es dazu kommen, dass Großbritannien nach dem Brexit nicht nur schneller impft, sondern auch erfolgreicher das Vertrauen in Kapitalmarkt und Wirtschaftsstandort stärkt. Das sollte gerade überzeugte Europäer nachdenklich stimmen – und Reformbereitschaft fördern.

Herzlichst

Ihr Peter H. Dehnen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. * Benötigte Felder

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.