Aktionär = Eigentümer? Warum diese Gleichung gefährlich falsch ist.

Liebe Leser*innen der GermanBoardNews,

auf meinen Vorschlag, Aufsichtsräte in die Verantwortung zu nehmen und sie zugleich gegenüber den Aktionären zu stärken, bekomme ich oft zu hören: Wer Aktien hält, ist Eigentümer. Und wer Eigentümer ist, muss zwingend entsprechende Rechte haben. Mehr Unabhängigkeit für Aufsichtsräte ist deshalb systemwidrig. Klingt logisch?

Nein. Wer derart formaljuristisch argumentiert, macht es sich zu einfach – und bewegt sich rechtlich auf dünnem Eis. Denn Investoren, die ein paar Aktien oder auch ein größeres Paket kaufen, werden dadurch nicht zu klassischen (Mit-)Eigentümern eines Unternehmens. Dazu fehlt es an Bindung und Verpflichtung, die Eigentum mit sich bringt. In diesem Kontext lohnt ein Blick ins Grundgesetz (Art. 14).

Niemand wird doch ernsthaft bestreiten, dass es Aktionären oft allein darum geht, Geld zu verdienen. Das Unternehmen ist dann Mittel zum Zweck oder Spekulationsobjekt. Das ist in Ordnung, kann für die übrigen Stakeholder aber zum großen Problem werden: Gerade bei hohem Streubesitz gibt es schlimmstenfalls keinen einzigen Anteilseigner mehr, der klassischer Eigentümer ist oder zumindest wie ein solcher denkt.

Nur Aufsichtsräte können wie Eigentümer denken

Natürlich ist es ungeheuer schwierig, die Grenze zwischen „guten“ und „schlechten“ Investoren zu ziehen. Da wären die Kleinaktionäre und der Neu-Investor ‚Bund‘, der seine Aufsichtsrät*innen in neue Bundesbeteiligungen bringt. Da sind Aktivisten wie Elliott, Cevian oder Petrus Advisers sowie die Blackrocks & Co, die sich als Hüter der Corporate Governance gerieren und nach außen wie langfristig denkende Eigentümer auftreten.

Mein Vorschlag sieht deshalb vor, nicht zwischen „gut“ und „schlecht“ zu trennen, sondern stattdessen die Aufsichtsräte zu stärken. Denn ich bin fest überzeugt: Sie sind die einzigen, die bei Streubesitz-Unternehmen die Eigentümerrolle übernehmen und für langfristiges unternehmerisches Denken sorgen können. Vorstände mit 5-Jahres-Verträgen, hohen Fixgehältern und komplexen Incentive-Programmen sind dazu genauso wenig prädestiniert wie Aktionäre, für die am Ende des Tages vor allem die Dividende zählt.

Und wohlgemerkt: Ich plädiere keineswegs dafür, Aktionären Rechte zu entziehen. Sie sollen weiter die Aufsichtsräte wählen – es müssen eben nur unabhängige Kandidaten sein, die sich zu hohen Personal-Governance-Standards verpflichtet haben (mit einer Art „hippokratischem Eid“).

Was wir vom Schalker Abstieg lernen können

Ich höre aus Unternehmen derzeit vermehrt Klagen über selbstbewusste Investoren und Corporate-Governance-Berater mit der unverhohlenen Ambition, die alleinige Deutungshoheit über gute Unternehmensführung zu übernehmen. In der Tat: An klugen Ratschlägen von jenen, die selber keine Funktion im Verein, auf der Trainerbank oder auf dem Spielfeld haben, mangelt es derzeit wahrlich nicht.

Als Schalke-Fan weiß ich neuerdings aus bitterer Erfahrung, dass auch große Vereine mit tollen Mitarbeitern und Spielern absteigen können. Der Fall zeigt damit einmal mehr, wie wichtig Corporate-Governance-Strukturen sowie Unternehmenslenker mit Haltung sind, die eine klare Linie verfolgen – gerade, wenn von außen Unruhe hereingetragen wird.

Wir brauchen deshalb Aufsichtsräte und Vorstände, die eigene Corporate-Governance- Standards bzw. unternehmensindividuelle Kodizes ausarbeiten und sich diesen nachhaltig verpflichtet fühlen. Denn nur so lässt sich verhindern, dass mehr oder weniger kluge Ratgeber auf der Tribüne die Deutungshoheit übernehmen.

Leider gibt aber zu wenige Entscheider von diesem Kaliber. Das zeigt gerade wieder die Tatsache, dass vom Staat via Kurzarbeitergeld gestützte Unternehmen unverdrossen üppige Dividenden und zum Teil sogar Sonderboni ausschütten. Mit Sozialer Marktwirtschaft und Good Governance hat das wenig zu tun.

 

Herzlichst

Ihr Peter H. Dehnen

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