Kabale in Oldenburg: Was ist los beim Governance-Vorbild Cewe?

Liebe Leserinnen und Leser der GermanBoardNews,

eine Schlagzeile hat mich in den letzten Tagen besonders überrascht: „Cewe-Chef Friege muss gehen – gegen den Willen des Aufsichtsrats“, titelte das Handelsblatt. Gegen den Willen des Aufsichtsrats? Da sträubte sich insbesondere der Jurist in mir, und hinzu kam: Ich hatte den Fotodienstleister aus Oldenburg bisher zu den wenigen Corporate-Governance-Vorbildern in Deutschland gezählt.

Warum? Die spezielle Stiftungskonstruktion schien langfristiges unternehmerisches Denken zu fördern. Dafür sprach vor allem eine erstaunlich positive Entwicklung: Cewe hat eine frühe und entschlossene digitale Transformation hingelegt.

Zudem haben die Verantwortlichen vehementer als die meisten anderen Unternehmen auf Mitarbeiterbeteiligungen gesetzt – ein Instrument, dass maßgeschneidert ist, um Gräben zwischen Arbeit und Kapital zu überwinden und Veränderungen. All das haben wir in den GermanBoardNews gewürdigt, auch weil uns die handelnden Personen überzeugten.

CEO Friege im Governance Talk

Den nun offenbar in Ungnade gefallenen Vorstandschef Christian Friege habe ich 2020 anlässlich eines Treffens der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) kennengelernt. Kurz darauf präsentierte er seine Gedanken Corporate Governance, Leadership und Unternehmenskultur in der GermanBoardNews-Rubrik „Governance Talk“.

Seine Botschaften überzeugten mich und andere, etwa diese: „Führung ist kein Entscheidungs-Privileg mehr, sondern eine Dienstleistung an die moderne Organisation.“

Noch besser kenne ich Frieges Aufsichtsratschef Otto Korte: im Jahr 2018 gehörte er zu den Rednern auf dem 14. Deutschen Aufsichtsratstag (#DART14), und 2020 zog er ins Präsidium von VARD ein. Damals war ich VARD-Vorstandsvorsitzender (by the way: VARD feiert am 29. März sein zehnjähriges Bestehen – dazu einen herzlichen Glückwunsch an alle Präsidiums- und Vorstandsmitglieder).

Es war nicht alles Governance-Gold, was glänzte

Was also ist bei Cewe geschehen? Warum konnte derlei trotz zweier Streiter für Good Governance geschehen? Der Handelsblatt-Bericht legt nahe, dass bei Cewe das Stiftungskuratorium und nicht der Aufsichtsrat über die Vorstandsbesetzung entscheidet. Das Kuratorium wird geleitet von Frieges Vorgänger Rolf Hollander, und es hat mehrheitlich gegen Friege gestimmt.

Dabei standen laut Handelsblatt sowohl der Aufsichtsrat um Otto Korte als auch die Erben von Gründer Otto Neumüller (Anteil: 27,1 Prozent) hinter Friege. Das zeigt: Es war nicht alles Governance-Gold, was bei Cewe glänzte. Eine komplexe Aufgabenteilung zwischen Kuratorium und Aufsichtsrat und ein Ex-CEO, der über seinen Nachfolger entscheidet: das ist der Stoff, aus dem Konflikte sind.

Zudem untermauert der Vorgang eindrucksvoll: Unabhängig von der Governance-Struktur entscheiden am Ende Menschen. Und wenn die sich nicht einer gemeinsamen Personal Governance verpflichtet fühlen, dann sind Entscheidungen schwer vorhersehbar. Man sieht also hier im Kleinen (S-Dax), was wir auch im Großen immer wieder feststellen: Wir brauchen klare Regeln für die Personal Governance.

Herzlichst

Ihr Peter H. Dehnen (Herausgeber)

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